Allgäu-Orient-Rallye 2016

Jeremy, Matthias, Fabian, Johannes, Michael, Markus - Startnummer 49

Jeremy, Matthias, Fabian, Johannes, Michael, Markus – Startnummer 49

6 Motorräder und ein Kamel – 6 Freunde und ein Ziel

Von Oberstaufen nach Tiflis

2016 haben wir an der Allgäu-Orient-Rallye teilgenommen – selbstverständlich mit einem reinen Motorradteam, welches aus 3x Yamaha XT 600 und 3x Suzuki DR 650 bestand.

  • 111 Teams
  • 4 oder 6 Personen pro Team
  • Fahrzeuge müssen min. 20 Jahre alt sein oder dürfen nicht mehr als 1111,11 € kosten
  • Keine Navigationsgeräte
  • Keine Autobahnen oder Mautstraßen, sonst freie Streckenwahl
  • 666 KM pro Tag
  • Alle Teammitglieder müssen ankommen
  • Fahrzeuge werden im Ziel gespendet, mit dem Erlös werden Hilfsprojekte finanziert
  • Das erste Team gewinnt ein Kamel, den anderen bleibt das Abenteuer


 

Beim Begriff „Rallye“ denkt man unweigerlich an ein staubiges Abenteuer: Strapazen auf und abseits der Straße, Technikversagen, die Konkurrenz im Nacken und schließlich Ruhm und Ehre. Gründe genug, einmal das vertraute Terrain der Heimat zu verlassen, um an einer Rallye teilzunehmen. Natürlich mit dem Motorrad – vermeintlich einfache Technik, überschaubare Kosten und das pure Fahrerlebnis. Ein Team von sechs Fahrern ist schnell gefunden, die Anforderungen an die Motorräder klar: einfach, geländetauglich und ein Kaufpreis von maximal 800€. Drei betagte Yamaha XT 600 fordern drei Suzuki DR 650 zum Duell. Taugen die alten Enduros mit teilweise schon 70.000 km noch für einen Ritt in den Orient? Drei Wochen Rallye werden es zeigen.
Bereits bei der Anreise ins Allgäu versagt die erste DR. Hoher Ölverlust am Ventildeckel zwingt uns bis spät am Abend vor dem Start zur ersten Schraubeinlage, da das Alugewinde der Nockenwellenlagerung dem Druck der Ventilbetätigung nachgegeben hat. Das Problem kann nicht endgültig behoben, aber der Ölverlust durch Einsatz eines selbstgebastelten Stehbolzens und viel Dichtpaste auf ein akzeptables Maß reduziert werden.
Mit knapp 70 weiteren Teams und über 200 Fahrzeugen beginnt dann am nächsten Morgen der wilde Ritt in den Orient. Mit Blick auf das GPS-Tracking der anderen Teams geben wir den Pferden die Sporen, setzen uns an die Spitze des Feldes, erreichen Österreich und finden uns bald in Ungarn wieder. Regen setzt ein und damit Probleme bei der ersten XT. Die Anfälligkeit war schon vorher bekannt, aber Faulheit und Hoffen auf gutes Wetter hinderten den Fahrer, sich des Fehlers anzunehmen. Zuckend und immer wieder komplett aussetzend, stottern wir über trostlos wirkende Landstraßen und versuchen die Zündaussetzer in den Griff zu bekommen. Frust macht sich breit, hier und da wird geschraubt, Zündkerzenstecker mit Kabel getauscht, die Zündspule wasserdicht verpackt und eine Kotflügelverlängerung aus einem alten Farbeimer gebaut. Am Holzofen eines Tankstellenhäuschens wärmen wir uns, bis auch der Regen etwas nachlässt, die Fahrt geht weiter – das Problem scheint behoben. 1:1 Ausgleich im  Markenduell.
Komplett durchnässt erreichen wir schließlich das nächtliche Rumänien. Unverhofft finden wir uns am nächsten Abend auf einer Schotterpiste Richtung Alexandria kurz vor der bulgarischen Grenze wieder – die Sonne steht tief, Staub hängt in der Nase, die Straße wird zum Enduro-Trail. Hier sind die Mopeds in ihrem Element, Rallye-Atmosphäre liegt in der Luft. Wir lassen die Einzylinder bollern und pflügen unsere Spuren. Mit Einbruch der Dunkelheit schlagen wir unser Nachtlager neben der Straße auf, der Rallye-Traum lebt. Gegen 2 Uhr nachts werden wir unsanft aus diesem Traum gerissen, vom Regen geweckt. Da wir kein Zelt mitführen und unser Dach die Sterne sind, heißt es zusammenpacken, aufsitzen, weiterfahren. Was am Vortag die pure Freude war, ist nun zum Albtraum geworden. Jetzt beginnt die Schlammschlacht von Alexandria: Die Straße ist binnen kürzester Zeit völlig aufgeweicht und bodenlos. Schiebend, rutschend und fluchend kämpfen wir uns in völliger Dunkelheit und Regen durch 3 km zähesten Schlamm. Die XT-Fahrer haben in dem Schlamm deutlich weniger Probleme, ihre Maschine zu kontrollieren. Die von Suzuki mit „DualSport“ gekennzeichneten DRs hingegen gebärden sich schwerfällig und kämpfen mit einem zu niedrigen Frontkotflügel, der durch den Dreck zuschmiert und das Vorderrad blockiert. Im Minutentakt liegen die Motorräder im Dreck. Die Anlasser wimmern um Gnade, die Batterien sind kurz vor dem Exitus. Erst um 05:30 Uhr, zahllose Stürze, verbogene Hebel und Lenker später, haben wir wieder Asphalt unter den Rädern. Völlig verdreckt, komplett durchnässt und entkräftet beginnt der Tag, langsam wird es hell, Bulgarien wartet.
Aber auch hier kein Halten, die Hatz geht weiter, bis wir die türkische Grenze passiert haben und schließlich, nach nur vier Tagen, in Istanbul stehen, an der Schwelle zu Vorderasien. In Istanbul ist das gesamte Fahrerfeld im Hafen versammelt. Unübersehbar, wie sich ein Großteil der Teams auf altbewährte deutsche Automobile verlässt und beeindruckend, mit welchem Enthusiasmus, Kreativität und Ernsthaftigkeit die Teams ihre Fahrzeuge über Monate hinweg rallyetauglich gemacht haben. Wir hingegen sehen wie die letzten Vagabunden aus, getreu dem Motto: „Weniger ist mehr“. Mittlerweile verrichten unsere Einzylinder treu ihren Dienst – nur Motor und Kettenöler wollen regelmäßig befüllt werden. Motoröl mit der für unsere geschundenen Kupplungen wichtigen „JASO MA“ Norm ist in der Türkei jedoch nicht einfach zu bekommen. Mit unseren 600ccm gehören wir hier zu der hubraumstarken, zweirädrigen Minderheit, Aufmerksamkeit ist einem damit aber überall garantiert. Das Roadbook weist uns den Weg entlang des Schwarzen Meeres zur georgischen Grenze.
Hier beginnt nun völliges Neuland: War der Verkehr in der Türkei chaotisch, aber berechenbar, scheint in Georgien jeder die  Verkehrsregeln willkürlich auszulegen. Als Zweiradfahrer zieht man da  unweigerlich den Kürzeren. Ein Beispiel: Im Gegenverkehr wird ein Fahrzeug überholt, was uns schon auf den Standstreifen zwingt. Wenn aber das überholende Fahrzeug im gleichen Moment selbst noch überholt wird, freut sich der geneigte Endurofahrer über die Möglichkeit, einen kurzen Abstecher auf unbefestigtes Terrain zu machen. Heilfroh erreich wir kurz hinter der Grenze das erste Fahrerlager in Georgien: Inmitten von heruntergekommen Wohnblocks finden wir einen Schotterplatz vor, darauf ein Stück Heimat: Ein Lagerfeuer wird entzündet, hier werden Nürnberger Würstchen gegrillt, dort gibt es Fleischkäse und an der nächsten Ecke munkelt jemand was von Kässpätzle. Dazu noch einige Gitarrenakkorde, (endlich wieder) günstiges Bier und fertig ist eine erstklassige Lageratmosphäre, völlig kostenlos.
Laut Landkarte ist die von uns gewählte Route nach Tiflis eine Schnellstraße, aus anfänglichem Ostblockasphalt mit wenig Schlaglöchern wird eine Schotterstrecke mit vielen Schlaglöchern, dazu kommen Schlamm, meterlange Wasserstellen, Staub, Nebel- und Schneefelder. Was für ein Wahnsinn! Glücklich, wer hier eine Enduro besitzt und nicht z.B. den Ford-Transit-Linienverkehrsbus nehmen muss, der auf dieser Straße über den 2000m hohen Goderdzi-Pass fährt. Unser Ziel, die Ägäisküste, führt uns schließlich zurück in die Türkei, quer durch Ost-Anatolien. Links Armenien und vor uns das Grenzgebiet zum Iran. Die Straßen Richtung Süden sind gut ausgebaut und laden zu einer ungewohnt hohen Reisegeschwindigkeit ein. Doch unsere etwas in die Jahre gekommenen Enduros merken, dass sie mit großen Schritten ihrem Ende entgegen gehen. Wahrscheinlich aus Frust fangen sie an, Öl zu saufen. Die Luftfilter sind teilweise so verdreckt, dass sie komplett entfernt werden müssen. Nur noch mühselig kratzen die XTs bergab an der 140-km/h-Marke. Hustend, röchelnd und zuckend verkriechen sich die Yamahas ängstlich im Windschatten der galoppierenden DR-Giraffen, wenn es wieder auf eine der zahlreichen Steigungen im türkischen Hochland zugeht. Ein weiterer Punkt für das Suzuki-Lager.
Schließlich überqueren wir die Ziellinie in Dalyan, zufrieden und erschöpft. Alle sechs Enduros sind angekommen, jede hat so ihre eigenen Macken. Doch weitgehend zuverlässig waren sie, rutschende Kupplungen, schlagende Getriebe und rasselnde Ketten sind nach 8500 Rallyekilometer noch lange nicht das Ende. Im Markenduell steht es letztlich unentschieden, da der Teamchef aber eine legendäre XT fährt, geht der Gesamtsieg natürlich an Yamaha. Etwas wehmütig übergeben wir, wie vorgesehen, Zündschlüssel und Fahrzeugpapiere an die Rallyeleitung und sagen Ade. Was bleibt nun von der Rallye? Für den Sieg und das Kamel hat es leider nicht gereicht, doch wir erhalten einen Sonderpreis für das „Härteste Team“ – und eines ist gewiss: Das Endurofieber hat uns gepackt!